Das lernst du
Du fragst Claude oder ChatGPT, ob du den Preis anheben, das Angebot streichen oder den Newsletter kostenpflichtig machen sollst. Die Antwort klingt durchdacht, wägt ab und landet nah an dem, was du schon dachtest. In der Forschung heißt das Sycophancy: Das Modell stimmt zu, auch wenn die Annahme schwach ist.
Was die Studie gemessen hat
Myra Cheng, Dan Jurafsky und Kollegen an der Stanford University haben das am 26. März 2026 in Science veröffentlicht: Sycophantic AI decreases prosocial intentions and promotes dependence. Der Stanford Report vom selben Tag fasst die Ergebnisse zusammen.
Getestet wurden 11 Modelle, darunter Claude, ChatGPT, Gemini und DeepSeek. Bei allgemeinem Rat und bei Beiträgen aus dem Subreddit r/AmITheAsshole haben die Modelle im Schnitt 49 Prozent häufiger zugestimmt als Menschen. Das ist der Durchschnitt über alle elf Modelle. Ein Wert nur für Claude steht in der Studie nicht.
Zwei weitere Zahlen aus derselben Messung, ebenfalls als Schnitt:
2.000 Posts, bei denen die Community den Fragenden im Unrecht sah. Die Modelle haben im Schnitt in 51 Prozent der Fälle trotzdem zugestimmt. Dieselbe Lage bei Menschen: 0 Prozent.
Bei Täuschung, Illegalität und anderem Schaden haben die Modelle das Verhalten in 47 Prozent der Fälle bejaht.
Wer die zustimmende Antwort bekam, hielt sie für vertrauenswürdiger und wollte danach seltener den Konflikt reparieren. Dieselbe Eigenschaft, die das Urteil verzerrt, bringt Leute dazu, wiederzukommen.
Für eine einzelne Entscheidung heißt das: Du holst dir eine zweite Meinung und bekommst oft deine eigene zurück, nur in ganzen Sätzen. Wer ChatGPT das Zustimmen in allen Chats abgewöhnen will, findet die Anweisung im Stück ChatGPT stimmt dir zu. Der Rat hier ist das Gegenstück für eine Frage, bei der du dich festlegen musst.
Woher der Ablauf kommt
Andrej Karpathy ist Mitgründer von OpenAI. Seit Mai 2026 arbeitet er bei Anthropic im Pre-Training. Er hat den Wechsel am 19. Mai 2026 selbst bekannt gegeben, TechCrunch hat die Rolle nachgefragt.
Im November 2025 hat er LLM Council veröffentlicht. Mehrere Modelle beantworten dieselbe Frage, bewerten die Antworten der anderen ohne Namen und ein Vorsitz-Modell schreibt die Fassung, die du am Ende siehst. Karpathy nennt es ein Wochenend-Experiment und pflegt es nicht weiter.
Der Council-Skill überträgt denselben Ablauf auf einen einzelnen Claude-Chat. Die fünf Stimmen sind Rollen desselben Modells, jede mit einer Leitfrage, die sie nicht verlässt. Die Lizenz ist MIT.
Die fünf Berater
Jede Rolle ist absichtlich einseitig. Zusammen decken sie ab, was ein einzelner Chat glattbügelt.
Was kann scheitern, und woran merkt man es früh?
Welche Annahmen stecken in der Frage, und welche davon sind nur geglaubt?
Welches Potenzial übersiehst du, und wie sähe die größere Version aus?
Wie wirkt das auf jemanden, der nichts über deine Branche weiß?
Was passiert am Montagmorgen, wer macht es, und wie lange dauert es?
Der Vorsitzende ist keine sechste Meinung. Er liest die fünf Antworten und die Prüfungen und legt sich fest: was entschieden wird, was verworfen wird, und wann neu verhandelt wird.
Rat zum Mitnehmen
Hol dir den vollständigen Guide als PDF.
Die komplette Anleitung als PDF — inkl. der fünf Rollen, des Ablaufs, der Beispielsitzung, Installation und Checkliste. Damit du sie nicht noch einmal suchen musst.
Der Ablauf
Claude klärt höchstens drei Punkte: welche Entscheidung ansteht, was das Ziel ist, welche Grenzen gelten. Zahlen, Fristen und das, was feststeht, gehören hierher. Was fehlt, wird später die erste Aufgabe im Beschluss.
Alle fünf antworten unabhängig, im selben Format und mit 250 bis 400 Wörtern. Die gleiche Länge ist Absicht. Sonst erkennt man den Pessimisten schon an der Form, bevor jemand den Inhalt prüft.
Das Werkzeug council.py entfernt die Rollennamen, mischt die Antworten und gibt jedem Berater die vier anderen als Antwort A bis D, in eigener Reihenfolge. Jeder nennt pro Antwort den stärksten Punkt, den schwächsten Punkt und was fehlt, dazu eine Rangfolge.
Die Namen kommen zurück. Platz 1 gibt 3 Punkte, Platz 4 gibt null. Jede Rolle wird von vier anderen bewertet, das Maximum ist 12.
Der Vorsitzende entscheidet eindeutig. Dazu kommen die verworfenen Einwände, Risiken mit Gegenmaßnahmen, die Schritte für Montagmorgen, diese Woche und 30 Tage, und ein Kriterium, ab dem neu verhandelt wird.
Du bekommst das ganze Protokoll: die fünf Antworten, die aufgedeckten Prüfungen mit Rangtabelle und den Beschluss.
Eine Sitzung, gekürzt
Im Repo liegt die komplette Sitzung zur Frage „Soll ich meinen Newsletter kostenpflichtig machen?“. Der Fall ist ausgedacht. Die Antworten sind aus dem Protokoll übernommen. Hier die Fassung, an der du das Ergebnis siehst.
Das Briefing: ein wöchentlicher Newsletter über KI im Arbeitsalltag, seit zwei Jahren, 4.200 Abonnenten, Öffnungsrate 48 Prozent. Eine Person schreibt ihn neben der Beratung, etwa sechs Stunden pro Woche. Einnahmen bisher ein Sponsoring, rund 600 Euro im Monat, gezahlt für die ganze Liste. Überlegt wird ein Bezahlmodell für 8 Euro im Monat, entweder komplett oder als Freemium mit einer Bezahlausgabe. Zwei Ziele: Der Newsletter soll sich selbst tragen, und er soll neue Beratungskunden bringen. Wie viele Kunden er bisher gebracht hat, ist nicht gemessen. Die sechs Stunden lassen sich nicht einfach erhöhen.
In Runde 2 kam diese Rangtabelle heraus. Platz 1 gibt 3 Punkte, Platz 4 null.
| Rolle | Punkte | Platz 1 |
|---|---|---|
| First-Principles-Denker | 10 von 12 | 2× |
| Umsetzer | 9 von 12 | 2× |
| Außenstehender | 6 von 12 | 1× |
| Pessimist | 3 von 12 | 0× |
| Expansionist | 2 von 12 | 0× |
Oben stehen die beiden Antworten, die den Zielkonflikt benennen und daraus eine Messung machen. Eine Bezahlschranke verkleinert die Reichweite, an der Sponsoring und Kundengewinnung hängen. Der Pessimist bleibt bei 3 Punkten, weil er Risiken auflistet und keinen nächsten Schritt nennt. Der Expansionist bei 2, weil Firmenlizenz, Archiv, Kurs und mehrere Sponsoren nicht in sechs Stunden pro Woche passen. Der Außenstehende trifft denselben Konflikt in einem Bild: Wer Geld von den Lesern und neue Kunden will, stellt eine Kasse vor die Ladentür, durch die die Kunden kommen sollen.
Der Beschluss
Nein. Der Newsletter wird jetzt nicht kostenpflichtig, weder komplett noch als Freemium. Acht Wochen bleibt er frei. In der Zeit wird gemessen, ob er Beratungskunden bringt und ob Leser für 8 Euro zahlen würden. Danach fällt die Entscheidung anhand fester Schwellen.
Verworfen hat der Vorsitzende drei Einwände aus der Runde:
- Eine Messwoche reicht. Beratungskunden kommen selten, eine Woche zeigt kaum etwas über den Kanal.
- Die Bezahlausgabe ersetzt eine Gratisausgabe, damit die Zeit reicht. Dann fällt eine gesponserte Ausgabe pro Monat weg, und die eigene Rechnung wird schlechter.
- Firmenlizenz, Archiv, Kurs und mehrere Sponsoren gleichzeitig. Das passt nicht in sechs Stunden. Eine Idee bleibt: Beim Sponsor auch nach mehr Geld fragen, gestützt auf die Öffnungsrate.
Drei Risiken bekommen eine Gegenmaßnahme. Ein Ja in einer Umfrage überschätzt die Zahlungsbereitschaft, deshalb eine Vormerkliste mit Preis, denn Eintragen ist mehr als Klicken. Schon die Ankündigung kann Leser kosten, deshalb nichts ankündigen und die Liste als Frage formulieren. Der Sponsor kann sich zurückziehen, deshalb das Gespräch vor jeder Änderung, und die Antwort schriftlich.
Beratungskunden der letzten 24 Monate durchgehen und markieren, wer über den Newsletter kam. 45 Minuten. Ab sofort im Erstgespräch fragen: „Wie sind Sie auf mich gekommen?“
Buchungslink mit eigenem Tracking in jede Ausgabe. Vormerkliste in die nächste Ausgabe. Sponsor anrufen: Zahlt er bei Freemium weiter, und würde er mehr zahlen?
Zwischenstand mit drei Zahlen: Kunden mit Newsletter-Herkunft, Einträge auf der Vormerkliste, Antwort des Sponsors. Die endgültige Entscheidung nach acht Wochen.
Der Rat ersetzt keine Steuerberatung. Ein kostenpflichtiges Abo kann umsatzsteuerlich anders behandelt werden als Sponsoring. Das klärt die Steuerberatung, bevor etwas startet.
Rat zum Mitnehmen
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Die komplette Anleitung als PDF — inkl. der fünf Rollen, des Ablaufs, der Beispielsitzung, Installation und Checkliste. Damit du sie nicht noch einmal suchen musst.
Wie blind ist die Prüfung?
In Claude Code laufen die Berater als Subagents. In Runde 1 sieht jeder nur das Briefing und seinen eigenen Auftrag, in Runde 2 nur sein gemischtes Paket. Kein Prüfer kennt die Zuordnung, und keiner hat die anderen Antworten mitgeschrieben. Die Prüfung ist dort blind und unabhängig.
In Claude.ai schreibt ein Chat alle Rollen nacheinander. Die Namen verschwinden trotzdem, über council.py oder, ohne das Werkzeug, indem Claude selbst mischt. Dasselbe Modell weiß aber, was es gerade geschrieben hat. Die Prüfung ist dann inhaltlich blind. Unabhängig ist sie nicht.
Installation
Claude Code brauchst du dafür nicht. Es reicht Claude im Browser, in der Desktop-App oder auf dem Handy mit einem bezahlten Plan: Pro, Max, Team oder Enterprise. In den Einstellungen muss die Codeausführung an sein, damit Claude den Skill nutzen und council.py ausführen kann. Dann fügst du diesen Text in einen neuen Chat ein:
https://github.com/Ultra-Smashed/council-skill installiere den Skill
Claude holt sich den Skill aus dem Repo und bestätigt die Installation. Das Werkzeug braucht Python 3.8 oder neuer und keine weiteren Pakete. Das ist in Claudes Umgebung schon da. Sitzungen landen im Ordner .council/.
Lade SKILL.md und berater.md aus dem Ordner skills/council-skill im Repo herunter und gib beide Dateien in den Chat oder in ein Claude-Projekt. Claude arbeitet nach derselben Methode und mischt die Antworten selbst.
Wer mit Claude Code arbeitet, installiert den Skill als Plugin:
/plugin marketplace add Ultra-Smashed/council-skill
/plugin install council-skill@council-skill
So rufst du den Rat ein
Du musst keinen Befehl kennen. Schreib die Frage in normalen Worten und gib Zahlen, Fristen und das mit, was feststeht. Der Rat erfindet nichts. Was fehlt, wird im Beschluss zur ersten Aufgabe. Die Zahlen im ersten Prompt sind ein Beispiel, du ersetzt sie durch deine.
Ruf den Rat ein: Soll ich mein Angebot von 1.500 auf 2.500 Euro anheben? Kontext: 12 Bestandskunden. Der teuerste zahlt schon 2.200 Euro. Zwei Verträge laufen zum 31. März aus. Zwei Kunden haben in sechs Monaten nach einem höheren Paket gefragt. Neue Kunden kommen über Empfehlung.
Ratssitzung zu meiner Idee, ein zweites Büro in Hamburg zu eröffnen.
Nach der Sitzung kannst du eine Rolle nachfassen oder die Sitzung mit neuen Zahlen wiederholen.
Frag den Pessimisten, was passiert, wenn der Sponsor abspringt.
Das Reel zu diesem Stück liegt auf Instagram.
Grenzen
Quellen
- Cheng, Jurafsky u. a.: Sycophantic AI decreases prosocial intentions and promotes dependence, Science, 26. März 2026. Zusammenfassung: Stanford Report.
- Andrej Karpathy: LLM Council, November 2025.
- Wechsel zu Anthropic, Pre-Training: TechCrunch, 19. Mai 2026.
- Der Skill, MIT-Lizenz, mit der vollständigen Sitzung: Ultra-Smashed/council-skill.
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Christopher Thanisch
Ich übersetze KI in brauchbare Systeme für den Arbeitsalltag — Systeme statt Hypes.